2015
    

Home ] 1991 ] 1997 ] 2003 ] [ 2015 ] About ] Impressum ]


Siren Temple - Frühe Denker

Fünf modernistische Montagen mit dem Eindruck, Urzeitliches wiederzubeleben

Auf dieser Seite sind Aufzeichnungen zu hören einer Konzertprobe in Esslingen 2014

Siren Temple - Frühe Denker:   Ist moderne Musik konsumierbar?

Der denkerische Anteil ist nach meinem Eindruck enorm hoch bei dem, was wir hier als "moderne Musik" hören. Wir stecken in einer historisch (von Dada bis Junge Wilde, etwa 1920 bis 1990) erstmaligen Phase der Kunst, in der in einem Umfeld weiter gekünstlert wurde, das zugleich alles in Frage stellte. Die Infragestellung geschah so vehement, dass das Vermeiden von vorher zu Kunst Erklärtem und Empfundenem dominierte. Es kommt ein reichlich destruktives Weitermachen zustande außerhalb vorheriger Formenkriterien. Das macht Spaß, weil Zerstören Spaß machen kann. Das ruft Protest hervor, weil es im Fall von "Musik" Zuhörer quält. Vergleichbare Quälereien waren in der heftigen Moderne zugange bei Theater, Gemälde, Skulptur, Film und in kleineren Anteilen auch als Foto.

Wer darüber hinweghört oder sieht oder denkt, wie nervig und dem Dilletantismus im Ergebnis nahe solche modernen Werke sind, der drängt durch willkürliche Kraftanstrengung die Meldung seiner Gefühle beiseite. Große Brocken der modernen Kunst fühlen sich ungut an.

In "Frühe Denker" baue ich aus einem Werk "Moderner Musik" extreme, aber noch vergnügliche Fragmente. Ich setze Titel darüber, die dem Gebrüllten und Gestotterten Sinn und Richtung geben. Ich komponiere zwar schockierend, aber wenigstens kompakt. "Ich" komponiere? Beim hier verwendeten Material arrangiere ich bloß.

Aber das bloße Zuhören zu dem hier Gezeigten würde mich imstande setzen, ohne eine Referenz zu Ligeti gleiches Brüllen, Säuseln, Quietschen und Rumpeln zu den von mir gesetzten Titeln zu komponieren.

Siren Temple hat mit "Trauma" 1991, veröffentlicht bei "Noiseworks Cassettes", bereits Vergleichbares in Stimme und Instrumentierung erzeugt. Mit diesen fünf Stücken "Frühe Denker" schließt sich da ein Bogen.

Die extreme Moderne ist im Prinzip leicht zu imitieren. Die Besonderheit der hier genutzten Probe zu einer Ligeti-Aufführung besteht in der etwa 80-prozentigen Reproduzierbarkeit des Auftritts anhand einer Partitur. Die Leistung von Sängern, Orchester und Dirigent ist dabei bewundernswert. Das Klangergebnis aber hat für mich eine weitgehende Beliebigkeit und Austauschbarkeit: Nimm anderes Gerumpel und Geschrei, und du bist modern dabei.

Ich erlaube mir hier, faul zu sein. Ich möchte nämlich nicht viel auf diese Weise "moderne" Werke erstellen. Danke, dass eine Gruppe von Komponisten sowas leistete (1965 waren die "Aventures" fertig). Als Konzept für einen Zyklus von fünf "Liedern", hier im Ligeti-Arrangement mit einer Gesamtdauer von knapp 14 Minuten - im kompletten Neuwurf werden es etwa 21 Minuten sein - sehe ich in der hier gezeigten Montage einen möglichen Bühnenbeitrag meiner Gruppe "Siren Temple".

 

1 Ausruf - 2´18 min

Wann begann das Denken? Wie begann es? 1000 Biologen haben 10.000 Tieren da schon 100.000 Stunden zugeschaut und darüber nachdedacht, ob ihre Test-Tiere wohl denken: Wie weit können sie zählen (manche bis 9)? Können sie Wege im Voraus durchdenken (Hunde nein, Affen ja)? Könnten sie sprechen, wenn sie passende Organe hätten (500 Dreiwortsätze klappen bei Affen, aber keine Grammatik)?
Hier sind nun fünf Musikfragmente, die eine Zeit aufdämmern lassen, in der es eigentlich noch keine Sprache gibt - aber schon ein Geschnatter. Und Gesten gibt es, groß wie im Stummfilm. Harmonien und Takt gibt es auch noch nicht, aber man macht schön Lärm.

  2 Wort - 2´15 min

Menschen stehen hier auf der Bühne und drehen das Rad der Musik zurück, drehen es weg von Harmonie und Rhythmik. Dies in der Gruppe zu schaffen, dies gemeinsam und wiederholbar aufführen zu können, ist eine Leistung. Sie klappt nur dank einer ausführlichen Partitur. Wirr arrangiert zu schnattern - das ist so vertrackt, dass die Gruppe an manchen Stellen mit gutem Grund ein Buch packt: Da steht dann drin: "grrr-lilili-uah uah!".

  3 Alphabet - 2´20 min

Natürlich wurde das Rad der Musik erst zurückgedreht, nachdem es gewaltig und wunderbar nach vorne gerollt war: Aus der ersten Notation der Mönchschöre heraus explodierten die Tasteninstrumente, die Bläser und die Streicher. Ihnen gesellten sich elektrisch verstärkte Instrumente zur Seite. Und schließlich konnte aus Computern heraus elektronisch musiziert werden. Da irgendwo wagten einzelne Komponisten auch die Rebellion - und fanden seitlich von dem, was der Kirche und den Geschäftsleuten gefiel, eine Art Missbrauch von klassischen Musikern: Diese sangen nun nach zerstörerischen Partituren, und amüsanterweise klang das Ergebnis nach Spuren aus der Zeit des Analphabetismus der Menschheit.

  4 Willen - 4´39 min

Nach "Ausruf", "Wort" und "Alphabet" kommt nun der "Willen", bevor es zur "Richtung" weitergeht. Die Titel wurden gefunden von Chris Mennel bei der Aufarbeitung von Aufzeichnungen der Probe eines modernen Stückes für Musiker mit zunächst klassischen Instrumenten. Bei den Rhythmusgeräten und bei manchem Quietsch- und Hauch-Ton wird dann der Gerätepark aber schon erweitert. Und Chris hat die geprobte Vorlage nochmals erweitert, indem er sie nach eigenem Konzept ummontierte. Das war sein Willen, und er konnte ihn mit den hier gezeigten 5 Musikfragmenten stillen.

  5 Richtung - 2´31 min

Nun sind wir im Gleis - und bleiben unserer Richtung treu. Durchgehend sehr modern ist diese Aufführung. Sie ist in der gezeigten Form noch Zitat. Doch sie wird bei einer Live-Aufführung durch die Gruppe "Siren Temple" auf eigenständigen Geräuschen beruhen. Die hier gequälten klassisch ausgebildeten Musiker dürfen an anderer Stelle wieder Musik spielen, die glatt in eine Partitur passt. Denn elektrische Instrumente und elektronische Geräte sind spürbar praktischer für die modern-archaischen Gebilde, wie sie hier zu hören sind. Wer seinen Weg so wie hier gezeigt fortsetzen darf, sind die Stimm-Lieferanten. Klasse seid ihr! Weiter so!

Die Musik wurde arrangiert aus der Aufzeichnung einer Probe zu Ligetis "Aventures" und "Nouvelles Aventures" am 12.2.2014 im Zentrum Dieselstraße, Esslingen. Die im Film geprobten "Aventures" wurden im Zentrum Dieselstraße aufgeführt am 13. und 14.2.2014. Es folgten zwei Aufführungen im Sommer 2014 in Saarbrücken und Stuttgart.

Mögen vergleichbare Klänge, aufgeführt von Siren Temple, vermutlich ohne Filme im Hintergrund, konzentriert auf die drei Sänger-Darsteller, umgeben von Musikern mit elektrischem und elektronischem Gerät, noch vielfach zelebriert werden!